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Die Vermessungsformel ORC

Weltweit einheitliches Vermessungssystem für Yachten



Noch fünf Minuten bis zum Start. Die Teams versuchen sich vor der Linie in die perfekte Position zu manövrieren. Mit dabei aktuelle Regattayachten, direkt daneben aber auch klassische Fahrtenachten. Das Eine-Minute-Signal ertönt. Am Startschiff wird es laut und deutlich nach "Raum" verlangt. In 30 Sekunden fällt der Startschuss.















Für Außenstehende ist schwer begreiflich, welche Position von Vorteil ist und wer schon mit dem Startschuss Nachteile haben wird. Allerdings ist für viele Schaulustige am Ufer auch schon schwer nachzuvollziehen, wer hier gegen wen segelt und wie die verschiedenen Yachten überhaupt miteinander verglichen werden können. Genau diese Frage beschäftigt auch die Segler, die Organisatoren und die Entwickler des ORCi Verrechnungssystems seit vielen Jahren. Ist es überhaupt möglich mit einer 29 Fuß Fahrtenyacht fair gegen eine 52 Fuß Rennyacht anzutreten?

Einheitliches Vermessungssystem
1969 trat der Offshore Racing Congress zusammen um ein einheitliches Vermessungssystem weltweit zu etablieren.  Ziel eines solchen Vermessungssystems sollte es sein, unterschiedliche Yachten gegeneinander segeln zu lassen und dennoch im Ziel ermitteln zu können, welche Crew die beste seglerische Leistung erbracht hat. Bei vielen Veranstaltungen wird das Feld zunächst in Klassen eingeteilt, wenn es eine ausreichende Teilnehmerzahl gibt und die Yachten relativ unterschiedlich sind.

Hintergrund dieser Klasseneinteilung ist, das es für eine kleine Yacht sehr schwierig ist, so schnell zu sein wie es ihrem Rating entspräche, wenn sie sich durch die Windabdeckung der großen Yachten kämpfen muss. So kann man zwar eine 29 Fuß Yacht mit einer deutlich größeren verrechnen, dies führt jedoch häufig zu unfairen Ergebnissen, wenn beide Yachten über dieselbe Startlinie müssen.
Foto: Vorstartphase ORC Regatta

ORC Yachten in der Vorstartphase

Foto: Startphase

Startphase einer Regatta von ORC Yachten

Verfeinerung der Vermessungsormel
Das Rating-System wurde über die vergangenen Jahrzehnte nach und nach den technischen Erkenntnissen und den moderneren Yachten angepasst. Gleitende Yachten werden mittlerweile ebenso nach ORC berücksichtigt, wie klassische Verdränger. In den vergangenen Jahren wurde die Formel immer weiter verfeinert um bestmöglich zu verhindern, dass sich die Eigner mit baulichen Veränderungen einen vorteilhafteren Rennwert verschaffen können.

Was ist ein vorteilhafter Rennwert?
Ein vorteilhafter Rennwert entsteht dann, wenn ein Schiff theoretisch langsam sein darf, weil dies anhand der Vermessung zu erwarten wäre, es in der Praxis aber nicht ist. Die Vermessung soll im Idealfall die Vor- und Nachteile der verschiedenen Yachten ausgleichen und dafür sorgen, dass die seglerische Leistung der Crews vergleichbar wird. Um dies zu erreichen wird die Yacht vollständig vermessen und ein Wert für die Leistungsfähigkeit einer Yacht für jede Windstärke zwischen 6 und 20 Knoten Wind ermittelt.

Die Vermessung - Faktoren & Einflüsse

Eine komplette Vermessung für ORC-I dauert bis zu 14 Stunden und umfasst Informationen vom Rumpf, Rumpfmaterial, den Rumpfanhängen - Kiel und Ruderblatt, dem aufrichtenden Moment, die Stabilität der Yacht, das Rigg und natürlich die verschiedenen Segel. Es werden hierbei auch Details, wie das Material der Wanten erfasst, da modernes Rigging aus PBO oder Kohlefaser wesentlich steifer sind als 1x19 Draht oder Rod Rigging. Der Gewichtsvorteil von Kohlefasermasten oder modernem Rigging schlägt sich in der Steifigkeit oder Rankheit (= geringer aufrichtender Moment) einer Yacht nieder, die natürlich ebenso in die Berechnung miteinfließt.
Foto: © Michael Walther

Krängungsmessung einer Yacht

Foto: © Michael Walther

Neigungsmessung mit Schlauchwaage am Heck

Foto: © Michael Walther

Messmarke am Mast

Foto: Rumpfvermessung

Laservermessung des Rumpfes

Foto: Rolex Swan Cup

Vermessung eines Segels

Die Geschwindigkeits-Vorhersage
Ein Rating nach ORC-I fußt auf den Grundlagen eines Geschwindigkeits-Vorhersage-Programms, dem sogenannten VPP (= velocity prediction programm). Dieses Programm soll natürlich möglichst exakt die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Yacht berechnen. Im lokalen Rating Office, diese existieren mittlerweile in 37 Nationen, müssen die Werte der Yacht selbst eingegeben werden. Außerdem werden aber auch Begleitumstände berücksichtigt, die bei der Vermessung eine Rolle gespielt haben. So wird zum Beispiel sogar die Dichte des Wassers in dem die Yacht vermessen wurde bestimmt, da dies Einfluss auf die Auftriebswerte und die Verdrängung hat.

Nachteil der Transparenz
Das wissenschaftlich basierte ORC-VPP wird stetig weiter entwickelt und ist für jedermann einsehbar. Dies hat den Vorteil, dass die Werte, die das System vorgibt, von jedem Eigner überprüfbar sind - es entsteht also nahezu vollständige Transparenz. Leider ist dies jedoch auch verbunden mit dem Nachteil, dass Yachten in die Formel „hinein-optimiert“ werden. Es kann von entscheidendem Vorteil sein, dass beispielsweise die Segelfläche verkleinert und die Yacht langsamer wird, wenn dieser "Nachteil" in der Berechnung überkompensiert wird und der Rennwert dadurch Vorteile bietet.

Foto: Messung der Krängung

Vorbereitung einer Krängungsmessung

Foto: Wasserwaage

Wasserwaage im Einsatz

Foto: Datenmessung

Eingabe der Messdaten

In den vergangenen Jahren wurden Yachten bevorzugt, die ihre Stabilität fast ausschließlich durch die Rumpfform bekamen. Die so entstandenen U-förmigen Rümpfe hatten zwar eine gute Anfangsstabilität, kippten sie jedoch über einen bestimmten Punkt hinaus, wurden sie sehr Rank. Die Seetüchtigkeit war stark eingeschränkt. Gegen diese Entwicklung ist in den letzten Jahren gegen an gearbeitet worden, so dass sich heute wieder steifere und deutlich seetüchtigere Yachten „lohnen“.

Die detaillierten Dokumentationen der Vermessungssystemen des Offshore Racing Congress zum Herunterladen:

Politik & Strategie

Auf die rein mathematischen Werte wird zum Teil aus „politischen“ Gründen Einfluss genommen, wenn sicherheitsrelevante Aspekte betroffen sind. Es werden Werte stärker gewichtet, damit die Yachtdesigner und Eigner die Entwicklung in die gewünschte Richtung vorantreiben, weil sie sich dadurch ein vorteilhaftes Rating versprechen. Umbauten, die an Regattayachten gemacht werden, um ein vorteilhaftes Rating zu konstruieren, sind jedoch mit Vorsicht zu genießen.
Foto: ORC Regatta

Regattafeld an Bahnmarke

Foto: Unter Spi

Regattafeld unter Spinnaker

Aus dem Ruder gelaufen
So ließ einst ein Norddeutscher Eigner an seiner alten Admirals Cup Yacht den Klapppropeller seines Motors ausgeklappt festschweißen, dass dieser sich nicht mehr einklappte. Eine feste Schraube wird im Rating nach ORC natürlich dahin gehend berücksichtigt, dass die Yacht langsamer eingestuft wird. Die Verwirbelungen, die dieser Festpropeller schaffte, beeinflussten das Ruderblatt jedoch derartig negativ, dass die Yacht bei etwas mehr Wind, permanent aus dem Ruder lief und in den Wind schoss. Der kleine Vorteil, den sich der Eigner also im Rating versprochen hatte, wurde durch tatsächliche Nachteile weit überwogen.

Fazit
Die Formel ist sehr ausgereift und die Vermesser leisten eine hervorragende Arbeit. Dennoch kann auch die Berechnung nach ORC keine hundertprozentige Chancengleichheit verschaffen. Es wird immer wieder Bedingungen geben, bei denen eine Yacht durch die speziellen Eigenschaften Vor- oder Nachteile hat. Aufgrund der Komplexität von Wellenbedingungen, die vom aktuellem Wind, Wind der vergangenen Tage, Wassertiefe, Form des Meeresbodens und Strömung abhängig sind, ist die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Yacht im realen Seegang zur Zeit noch von keinem Computerprogramm zuverlässig zu prognostizieren. Der reale Seegang lässt sich schlicht nicht rechnerisch erfassen. Auch die umfassende Geschwindigkeitsprognose nach ORC mit dem weit entwickelten VPP kann die vollständige Komplexität des Segelsports noch nicht perfekt erfassen. Die Damen und Herren vom Offshore Racing Congress arbeiten aber daran!
 

Autor: Michael Walther

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