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Slowenien - blühende Vergangenheit </05.04>

Mittelmeer

Slowenien - blühende Vergangenheit

Nur wenige Kilometer Küste am Golf von Triest gehören zu Slowenien. Die Spuren der blühenden Vergangenheit unter dem Löwen von San Marco sind nach der Zeit der sozialistischen Isolation heute wieder allgegenwärtig. Eine relativ große Anzahl von Liegeplätzen unterstreicht die Bedeutung des Bootstourismus' für die junge Republik.



Rote Dächer, weiße Felsen, blaues Meer
Wer über die italienisch-slowenische Grenze fährt, kommt sich schnell vor wie zu Hause. Vielleicht liegt es an der Unsicherheit und Vorläufigkeit, die das Niemandsland ausstrahlt, vielleicht sind es auch die Grenzposten, die wir schon aus unserem Gedächtnis gestrichen haben. Die slowenische Sprache klingt fast ein bisschen exotisch. Trotzdem sagen uns die roten Dächer über dem strahlend blauen Meer, die weißen Felsen, die kurzen Schatten unter der hoch am Himmel stehenden Sonne, der Duft der Mastixsträucher und Zypressen, dass wir am Mittelmeer sind.

Am Hort der Geschichte Sloweniens
47 Kilometer Küste gehören zu der jungen Republik Slowenien. Doch in dieser Handvoll Kaps und Buchten wurde die Geschichte Sloweniens geschrieben: die Invasionen, die Besiedler und der Handel prägten das Land. Spuren, die sich sowohl in den alten Städten und Adelssitzen als auch an den grünen Abhängen am Rand des nahen Karsts wieder finden. Kelten, Illyrer, Römer, Westgoten, Venezianer, Franzosen, Habsburger wechselten einander in der Herrschaft des Landes ab, das schon immer von allen und von keinem war und trotzdem eine so eigene Identität hat.

Byzantiner, Griechen und Venezianer
Die Hauptstadt der Primotska, des Küstengebiets Sloweniens, ist Koper, das antike Caput Histriae der Patriarchen von Aquileia. Die Stadt entstand auf einer Insel und wurde erst später an das Festland angeschlossen. Kaper kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Es wurde von den Griechen und Byzantinern gegründet und gefördert, und 500 Jahre venezianischer Herrschaft prägten es so sehr, dass das Wahrzeichen Venedigs, der Löwe von San Marco, über- all zu sehen ist: auf den Wappen, in den Ecken alter Tore und in den Bogengängen der Palazzi.

 
 

Das Café Loggia auf dem Marktplatz
von Koper

Historie und neue Trends
Auf dem Marktplatz, den viele immer noch den Tito-Platz nennen, spürt man die Geschichte in allen Ecken. Auf den Stühlen des Cafe Loggia kann man sich seinem Zauber kaum entziehen. Jahrhunderte lang richteten und verurteilten hier die Richter von ihren Richterstühlen herab. Heute sitzen wir nicht weit entfernt in der Sonne und genießen unseren frischen Bicijcleta. Ein Brunnen auf dem hinteren Teil des Platzes versetzt uns an die Rialto-Brücke in Venedig und ein romanisch-gotischer Kirchturm erinnert an jenen von San Marco - jeder Kampanile ist hier eine Miniaturabbildung des Turms in Venedig. Stadtführerin Mojca erklärt, dass ein Bicijcleta aus Orangenlimonade und Cidre gemischt wird. Und dass auch der wunderbare Rotwein Refosk auf dem Altar der Cocktails geopfert wird, indem man ihn mit Coca Cola trinkt!

Das "Maul des Löwen"
Im Durchgang vom Platz aus Richtung Süden befindet sich immer noch das "Maul des Löwen", eine Art Sammelstelle für anonyme Bekanntmachungen, über die private und öffentliche Skandale (wohl auch aus Rachelust) kund getan wurden. Koper ist der einzige slowenische Handelshafen. Von hier starten die Schiffe mit Waren auch aus den europäischen Nachbarländern Richtung Übersee. Aber auch die Freizeitschifffahrt hat ihre Lobby und die kleine Marina mit dem glasklaren Wasser nimmt etwa 80 Yachten auf.



"Pri Rexu" - Weltkriegserinnerungen
Gombac Srecko, Kulturreferent der Stadt, erzählt uns, wie sehr im Bewusstsein vieler Slowenen noch die Erinnerung an Rex ist. Das Turbinenpassagierschiff wurde 1944 wegen der Gefahr der Bombardierung von Triest an die slowenische Küste verholt, wo man es besser vor den Alliierten verstecken konnte. Dabei lief es zwischen Izola und Koper, etwa 200 m vom Ufer entfernt, auf Grund, wo die Beaufighter es angriffen und versenkten. Das Wrack brannte vier Tage und Rex wurde völlig zerstört. Den Uferteil zwischen Izola und Koper nennt man heute noch "Pri Rexu", was so viel wie "bei Rex" bedeutet. Eine Schmalspur-Eisenbahn, an die viele sehnsuchtsvoll zurückdenken, verband die Orte an der Küste miteinander. Heute verläuft hinter dem Schienenbett die Küstenstraße nach Izola.

Anlaufpunkt für Bootsurlauber
Vermutlich wurde Izola von Flüchtlingen aus Aquileia gegründet, die ihre Stadt wegen der Invasion der Hunnen verlassen hatten. Auch die Gründung Venedigs ist Attila zu verdanken, auch sie erfolgte nach der Vertreibung weiterer Sippen aus Aquileia. Izola war anfänglich wie Koper eine Insel - der Name sagt es - und wurde erst später mit der Küste verbunden. Fischfang, Öl und Wein machten die Stadt berühmt. Der ruhige Ort ist im Sommer von Touristen und Bootfahrern überlaufen. In Izola stoßen wir auf die erste große Marina mit 650 Liegeplätzen für Schiffe bis 30 Meter Länge. Im kühlen Club House erläutert uns der Direktor die geplanten Erweiterungsmaßnahmen.

 
 



Malerischer Fischereihafen
Der Innenhafen im alten und malerischen Hafenbecken ist für die Berufsfischerei . reserviert. Nur wenige Schritte sind es von hier zum Palast Besenghi degli Ughi. In dem spätbarocken Gebäude mit dem prächtigen venezianischen Auditorium ist heute eine Musikschule untergebracht. Ein kleines Mädchen spielt leise auf dem Klavier, während es auf seine Lehrerin wartet. Überhaupt ist die Liebe der Slowenen zur Musik groß.

Piran, die Schöne
Südlich von Izola liegt auf einem Flysch-Ausläufer der Naturpark Strunjan mit Kiefernwäldern, Steilhängen und einer alten Saline. Dahinter liegt Piran, die Schöne. Hier lebten einst adlige Venezianer. Ihren Reichtum verdankt die Stadt dem Meer - der Küstenschiffahrt, dem Fischfang, der Salzherstellung und der Seefahrt. Zu Piran gehörten die Sahnen südlich von Porroroz. Das Nautische Institut stellte die besten Kommandanten für die Habsburger und die Slawische Marine.

 
 

Historischer Stadtkern
Der Stadtkern drängt sich als ein Mosaik aus roten Ziegeldächern um den massiven Dom Sankt Georg und ist nur zu einem Teil von den alten Stadtmauern umschlossen. Er erstreckt sich bis hin zum azurblauen Meer und zum kleinen Hafen, dessen ältester Teil zu einem Platz aufgeschüttet wurde, benannt nach dem 1692 in Piran geborenen Violinisten und Komponisten Giuseppe Tartini. Besondere Attraktion in Piran sind die Sommerabendkonzerte im Kreuzgang des Minoritenklosters. Auch wenn über manche Restaurierungsarbeit der alten Palazzi einiges einzuwenden wäre, verzaubert das mittelalterliche Kloster die Besucher. Freundlich empfängt mich der alte Prior, während im Hintergrund gregorianische Gesänge ertönen.

Bootsausstellung und Schifffahrtsmuseum
Unten im Hafen liegen Dutzende von alten Schiffen, die in Verbindung mit der Boat Show in Portoroz ausgestellt sind. In einem Gebäude aus dem 19- Jahrhundert am Kai befindet sich das Meeresmuseum. Hier ist die Geschichte der slowenischen Seefahrt dargestellt. In naher Entfernung zum Museum, an der Ecke der Straße des IX. Korpus und des Tartini-Plarzes, steht ein wunderschönes rotes Haus. Es ist das erlesenste Beispiel venezianisch-gotischer Architektur in Piran. Die Fassade ist auf ganz besondere Weise architektonisch gegliedert und durch üppige Steinverzierungen geschmückt. Am eindrucksvollsten ist der gotische Eckbalkon. Zwischen den Fenstern des zweiten Stockwerks befindet sich eine Marmorplatte mit einem stehenden Löwen, unter dem die jahrhundertealte und doch immer noch gültige Aufschrift "Lassa pur dir" (Lass' sie nur reden) angebracht ist.



"Lass' sie nur reden!"
Darüber hat sich in Piran durch mündliche Überlieferung die folgende Legende erhalten: Vor langer Zeit, als Piran noch ein Teil der Republik von Venedig war und der Seehandel zwischen Europa und dem Orient blühte, tummelten sich in Piran verschiedene reiche Handelsleute. Im Stadthafen schlossen sie ihre Geschäfte ab, warteten auf die Umladung ihrer Fracht und wurden so auch mit den Bürgern von Piran bekannt. Ein vermögender venezianischer Handelsmann verliebte sich in eine schöne, junge Piranerin. Er kam oft nach Piran, um sie zu besuchen, und fasste später den Entschluss, ihr beim Hafen, ganz nah der Loggia, ein schönes Haus zu bauen. Damit wollte er seiner Auserwählten die Macht seiner Liebe und den Piranern seinen Reichtum zeigen und gleichzeitig seine Verachtung für ihr Geschwätz zum Ausdruck bringen. Die neidischen Bürger klatschten über das verliebte Paar und die Eifersucht erreichte nach dem Bau des wunderschönen Hauses solche Ausmaße, dass sich das Paar zu seiner Verteidigung die bis heute erhaltene Beschriftung ausdachte: "Lassa pur dir".

 
 

Tourismuszentrum Portoroz
Kurz nach Piran kreuzen wir einen Schwarm von Optimisten. Hier trainiert Milan Morgan, ein über Slowenien hinaus bekannter Trainer, seine Küken. In Portoroz erinnern die Spuren der Zeit an den blühenden Badetourismus des Bürgertums zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Noch heute liegt der touristische Schwerpunkt auf Luxustourismus: Baden, Golf, Tennis, Kasinos, mondänes Nachtleben und vor allem Yachtsport. In der Marina, die vor 25 Jahren unter Tito gebaut, finden fast 1.000 Boote Platz. Hier organisiert Marjan Matevlijc seit Jahren seine Internautica Boat Show -eine der wichtigsten Bootsmessen in der nördlichen Adria.

Ein Hauch von Venedig
Wenn die Bora an klaren Frühlingstagen über den Golf fegt, erblickt man im Nordwesten das beeindruckende Panorama der noch verschneiten Dolomiten, die Containerschiffe mit Kurs auf Triest und verschwommene Konturen an der Küste, die die Illusion von Venedig vermitteln.




Ausblicke ins Hinterland
Richtung kroatische Grenze geht der Fluss Dragonja in
eine Ebene über. In den Salinen von Sicciole begann für die
Piraner im April der Salzzyklus. Wasser, Sonne und Wind
mussten dazu im entsprechenden Rhythmus mitspielen, ein
plötzliches Hochwasser konnte die mühsame und monate
lange Arbeit in kürzester Zeit zunichte machen. Ein Teil der
Salinen ist heute geschützt und in zweien der insgesamt 300
Häuser der Salzanbauer rekonstruierte das Meeresmuseum
die damaligen Lebensbedingungen. Studenten bauen nach
dem alten Verfahren heute Salz an. Im Landesinneren ver
läuft auch eine gewagte Eisenbahnstrecke, die als Mini-Orient Express Richtung Ljubljana, Maribor und in die weiten
Ebenen des Ostens führt.

 
 



Text/Fotos: L.Pastorelli
Quelle: nautica 5/04


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