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Geschichte des Faltboots - Vereins- & Reisewesen

Kanutouren im Überblick

Geschichte des Faltboots - Vereins- & Reisewesen

Faltbootaufbau (heute)
Faltbootaufbau (heute)

Der „Verein“ dieser Gestalt, darf - weiter von der Turnerbewegung befruchtet - gerne als übliches Element früher Freizeit- und Reisegestaltung gesehen werden. Berichte liegen vor, dass Jugendliche oft nur ein-zwei schier „unbezahlbare“ Faltboote als Wanderboot- grundstock zur Verfügung hatten. Wollten sie fahren, mussten diese sich auf Wochen in eine Liste eintragen oder Absprechen.

Dazu kam für Alle wöchentlicher Arbeits-, und Baudienst an den Bootshäusern und die Pflege der Boote dazu. Wer unentschuldigt fehlte wurde von einem Kameraden besucht, manche zum Dienst abgeholt. Wer oft fehlte und nicht gut Paddeln konnte, wurde als Konsequenz von der Liste gestrichen. Durch Bekanntschaft zu Gartenpächtern oder Bauern konnten am aüßerst kurzen Wochenende Fahrten zu Lagerplätzen mit den wenigen Booten gemacht werden. Jeder musste für sein eigenes Paddel sorgen und leistungsfähig sein. Diese Fahrten waren auf Wochen hin belegt. Dort wurde dann gezeltet und gebadet. Warmes, regelmäßiges Essen und Kulturbeutel waren hier Fehlanzeige. Isomatten und Schlafsäcke unbekannt. Boote wie Zelte maximal überbelegt. Badeanzüge nicht vorhanden. Aufsicht übernahmen die „Älteren“, das war mit 14 Jahren der Fall. Mit 15-16 war der Arbeiter-Jugendliche mit Sicherheit bereits am Vollerwerb beteiligt und somit auch Samstags komplett abwesend.

Erst in den 1930 Jahren veränderte sich durch Arbeitszeitreduzierung, sozialem Neubau und ideologischem Interesse an der Arbeiterschicht die Gesamtsituation - und damit die Freizeitmöglichkeiten und das Freizeitverhalten. Indes war damals Paddeln ohne Sicherheit und nur selbst beigebrachtem Können alles andere als ungefährlich. Hier ein Spotlicht auf dem Rhein, Ort meiner Recherche: Nach dem ersten Weltkrieg wurden Paddler beschossen wenn diese den Rhein (Grenzfluss zu Frankreich) befuhren. Bis in die 1960er Jahre kamen auf dem Rhein pro Jahr 100 Menschen + X um. Dabei waren neben Binnenschifferkindern und Fahrensmännern auch eine Handvoll Paddler.

Foto: Jörg Ringer
Übernachtung & Verpflegung während einer Wanderung

Anders als die Arbeiterschicht deren gesamte Freizeitorganisation auf Vereinen, öffentlichen Einrichtungen und Gemeingut basieren musste, hat das Faltboot bei den Angestellten Beamten, Kleinhändlern und den Besserverdienenden aus den selbstständigen Handwerken einen ganz anderen Stellenwert erlangt. Diese Faltboote (ab 1920 Jahren gerät der starre Hadernkahn ins Hintertreffen) mussten auch dort erspart werden. Auch die Freizeit war knapp und begann für viele „Bürgerliche“ erst nach dem Gottesdienst. Der „Sonntagsstaat“ wurde dann anbehalten während man sofort nach dem „Amen“ mit dem Stangensäcken zum Bahnhof „Wagerlte“(mit dem Bootswagen auf dem die Stangensäcke und Bootshaut geschnallt war zum Bahnhof schieben). Die Reichsbahn behielt deshalb am Sonntag die Gepäckwagen bei, um die Unzahl von Faltbooten aufzunehmen. Vertauschen kam öfters vor. Auf einen heute obligatorischen „Picknickkorb“ wurde verzichtet. Es war durchaus möglich, dass nicht alle in ein Faltboot passten, also einige Familienmitglieder oder Freunde am Ufer nebenherliefen, auch dann, wenn z. B. der Pegel zu niedrig war. Beliebt waren Flüsse mit Bahnstrecken, die neben dem Fluss herliefen. Auch das Zusehen wie das eigene Boot fuhr bereitete Freude. Als es mit dem letztmöglichen Zug nach Hause gehen sollte, musste erst wieder alles zerlegt werden. Das Trocknen der Bootshaut aus Kautschuk-Gummi erfolgte in voller Breite und Länge im Flur. Dazu musste man sich die Schuhe ausziehen, um die Bootshaut nicht zu beschädigen, wenn man darüberlaufen musste. Im Sommer, im Hof neben der Wäsche ging das nicht immer. Damit war dem Faltboot der Sprung von der Außenseiterposition in die Mitte der Gesellschaft gelungen.

Nach Verschwinden der sozialen Grenze von Arbeiter und Angestellten hat zeitgleich auch die Frau dauerhaften Platz in der Riege der Paddler gefunden. War es anfangs noch der Gedanke der Gleichheit aller Menschen bei den Wandervögeln, hat die neu entstandene Paddler-Sportgruppe gleich eine neue Sozialordnung eingeführt: „Die Frau muss mit!“ Ein neuer Typus Frau, der sich durch Einfachheit und Tatkraft auszeichnete, war in den Paddlerkreisen sehr geschätzt, während andernorts Frauen von der sportlichen Betätigung ausgeschlossen bleiben, da die Etikette das untersagte. Jene „schmucklose“, aber dafür durch Natürlichkeit glänzende „Paddelnixe“ hatte noch das Vergnügen den Badeanzug selber zu schneidern. „Bikinis“ wurden damals benötigt, aber waren nur per Schnittmuster zu haben. Ein Benehmensbuch früheren Jahrganges bot solchen Schnitt an, und gab Ratschläge für das Verhalten auf dem Wasser- und unter Männern. Jene freizügigen Bade-Kreationen sorgten immer wieder für Aufsehen, sobald die „Falter“ oder „Binsenbummler“ an Ortschaften vorbei oder unter belebten Brücken hindurchfuhren. Sittliche Bedenken wurden laut. Doch hat das je eine Bewegung von jugendlichem Geist und Freiheitsliebe gekümmert?

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